Justus Bier Preis 2017

Der Justus Bier Preis für Kuratoren – seit 2009 zum neunten Mal vergeben – geht in diesem Jahr an Andreas Beitin, Brigitte Franzen und Holger Otten


Ausgezeichnet werden sie für das Projekt und den Ausstellungskatalog

 

Mies van der Rohe: Montage Collage, Ludwig Forum Aachen,
Museum Georg Schäfer Schweinfurt, 2017

 


Aus der Begründung der Jury:


Der Justus Bier Preis widmet sich Ausstellungsprojekten und Publikationen, die durch eine originelle Themenstellung und eine fundierte fachliche Aufarbeitung beeindrucken. Beides ist nach Meinung der Jury mit dem Projekt zu den Montagen und Collagen von Mies van der Rohe beispielhaft gelungen. Zwar ist Mies van der Rohe ein weltbekannter Architekt, dessen Werk bis heute Anlass für unzählige Untersuchungen bildet, allerdings fehlte bislang eine systematische monografische Gesamtdarstellung seiner Collagen und Fotomontagen. Dies ist umso bemerkenswerter, als gerade dieser Teil des Werkes einen umfassenden Einblick in das Denken Mies van der Rohes bietet. Den Herausgebern gelingt es, eben jenen panoramatischen Aspekt dieser Werkgruppe mustergültig deutlich zu machen. In den profunden Beiträgen einflussreicher amerikanischer Architektur­theoretiker wie Barry Bergdoll, Dietrich Neumann oder Martino Stierli wird darüber hinaus nicht nur der künstlerisch eigenständige Charakter des Collagenwerks deutlich, sondern auch die besondere Bedeutung, die diese Arbeiten im Hinblick auf das Raumkonzept Mies van der Rohes hatten. Zu Recht legen Ausstellung und Katalog einen besonderen Schwerpunkt auf die in den Collagen sichtbare Verbindung zwischen Bildender Kunst und Architektur. Dabei zeigt sich zum einen der ausgesprochen freie, fast postmoderne Umgang des Architekten mit der Kunst, andererseits aber auch seine Bindung an die wichtigen europäischen Avantgardebewegungen der 1920er Jahre. Dass die Ausstellung für das Ludwig Forum in Aachen entwickelt wurde und damit in der Geburtsstadt des Architekten, wo er bis zu seinem 19. Lebensjahr lebte, macht das Projekt auch geostrategisch zu einem Glücksfall. Dies umso mehr, als mit dem Georg Schäfer Museum in Schweinfurt als zweiter Station der Schau die Stadt in den Blickpunkt rückt, für die Mies van der Rohe von 1960–1963 einen – allerdings unrealisierten – pavillonartigen Museumbau plante, der dann zur Grundlage für seine weltberühmte Neue Nationalgalerie in Berlin werden sollte.


Vita Preisträger/-in:


Dr. Andreas Beitin (*1968) studierte Kunstgeschichte, Angewandte Kulturwissenschaften sowie Neuere und Neueste Geschichte. Nach seiner erfolgten Promotion war er von 2004 bis 2016 am ZKM | Museum für Neue Kunst, Karlsruhe, tätig. Nachdem er zunächst in verschiedenen wissen­schaftlichen und kuratorischen Positionen gewirkt hat, übernahm er im Jahr 2010 die Leitung des Museums. Während seiner Tätigkeit im ZKM war er als Kurator und Co-Kurator für die Konzeption und Realisierung von vielen international beachteten Ausstellungen verantwortlich. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Texte im In- und Ausland publiziert und Vorträge gehalten; darüber hinaus trat er als Herausgeber verschiedener Publikationen in Erscheinung. Andreas Beitin wirkt seit vielen Jahren in zahlreichen Kunstjurys und wissenschaftlichen Gremien mit. Seit Februar 2016 ist er Direktor des Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen.


Dr. Brigitte Franzen (*1966) ist Kunst- und Kulturwissenschaftlerin. Sie ist Vorstand und Geschäfts­führerin der Peter und Irene Ludwig Stiftung, die weltweit mit 28 Museen und Institutionen aus dem Bereich der Bildenden Kunst verbunden ist.
2009-2015 war sie Direktorin des Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen. Von 2005–2008 arbeitete sie als Kuratorin für Gegenwartskunst am Westfälischen Landesmuseum und war dort mit Kasper König und Carina Plath Kuratorin der Skulptur Projekte Münster 2007, dem internationalen Referenzprojekt für Kunst im öffentlichen Raum. 2005 gründete sie das Skulptur Projekte Archiv in Münster, das 2007 erstmals ausgestellt wurde.

Seit 1993 hat sie zahlreiche Ausstellungsprojekte zur Kunst und Architektur des 20. und 21. Jahr­hunderts verantwortet, darunter skulptur projekte münster 07 (2007), Stephen Willats (2008), Ergin Cavusoglu (2009), West Arch – A New Generation in Architecture (2010), Hyper Real – Kunst und Amerika um 1970 (2011), Susan Philipsz (2011), Nie wieder störungsfrei-Aachen Avantgarde seit 1964 (2011), Phyllida Barlow (2012), Die Stadt, die es nicht gibt (2012), Nancy Graves Project (2013), Kinderkönigreich – Pawel Althamer und Freunde laden ein (2014), Ostwärts. Sowjetische Kunst in der Sammlung Ludwig (2015), Le Souffleur. Schürmann trifft Ludwig (2015), Mies & Collage (2016).


Holger Otten (*1975) M.A., studierte Kunstgeschichte, Deutsche Philologie und Neuere Geschichte in Köln und Basel. Er war ab 2004 als freier Kurator, Autor und Lektor tätig und arbeitet seit 2010 als Kurator im Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen. Jüngste Ausstellungen: „dis/order. Art and Activism in Russia since 2000“ (2017/18); „Mies van der Rohe. Die Collagen aus dem MoMA“, zusammen mit Andreas Beitin (2016/17). Jüngste Veröffentlichungen: „Architecture, Painting, and Sculpture as a Creative Unity“, Über das Verhältnis von Kunst und Architektur bei Mies van der Rohe, in: Mies van der Rohe. Montage Collage, hg. v. A. Beitin, W. Eiermann und B. Franzen, London 2016; Between One Time and Another, in Camera Austria, Heft 135, 2016; How to create a new game? Im Gespräch mit Paweł Althamer, in: Aachen Projects 1992/2010/2014, hg. v. E. Boehle, B. Franzen
und P. Potoroczyn, London 2016.


Die Kuratoren teilen sich den Preis, der mit insgesamt € 5.000.– dotiert ist.


Die Preisverleihung findet am Donnerstag, den 22. März im Ludwig Forum in Aachen statt.

Justus Bier Preis 2016

Der Justus Bier Preis für Kuratoren – seit 2009 zum achten Mal vergeben – geht in diesem Jahr an Inge Herold und Karoline Hille


Ausgezeichnet werden sie für das Projekt und den Ausstellungskatalog:

 

Hannah Höch – Revolutionärin der Kunst. Das Werk nach 1945,
Kunsthalle Mannheim, 22. April – 14. August 2016
(anschließend: Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr, 11. September 2016 – 8. Januar 2017)

 


Aus der Begründung der Jury:


„Eine außerordentlich verdienstvolle Ausstellung und Publikation, die den Blick auf Werk und Person Hannah Höchs dadurch enorm erweitert, dass sie erstmals den Fokus der Recherche auf den Werkkomplex richtet, den die Künstlerin in den Jahrzehnten seit 1945 entwickelt hat. Damit erscheint das OEuvre der 1978 mit 88 Jahren gestorbenen Pionierin der Collage aus den Reihen der Berliner Dadaisten in einem Gesamtzusammenhang, der bislang nicht genügend gewürdigt wurde. In vorbildlicher Weise machen Ausstellung und Publikation in acht großen Themenkapiteln die wesentlichen Kraftlinien dieses Lebenswerkes sichtbar und zeigen dabei eine Künstlerin, die mit ihrer Fähigkeit, Gattungsgrenzen aufzuheben und ihrem aus der Collage entwickelten Prinzip des permanenten Zugleichs von Konstruktion und Dekonstruktion, von immer neuer und immer wieder in Frage gestellter Formfindung eine ungebrochene Aktualität für sich beanspruchen kann.


Das aufwendige Katalogbuch dokumentiert neben zahlreichen älteren Arbeiten gerade das Nachkriegswerk Hannah Höchs, mit dem sie inhaltlich wie formal auf Zeitströmungen reagiert, ob nun durch feministische Bildaussagen oder etwa Stilelemente des Informel, der Pop-Art und Fluxus. Es ist in hohem Maße dazu geeignet, der weiteren Beschäftigung mit der Künstlerin, deren Bedeutung erst langsam ganz erkannt wurde, eine stabile Basis zu geben.


Die von großer Sympathie für Künstlerin und Werk getragenen profunden Texte stellen den Gegenstand der Ausstellung in den Zusammenhang des Gesamtwerkes und der Zeitumstände, in denen sich Höchs Arbeit entwickelte. Ergänzt wird dies durch einen biografischen Überblick, der auch mit reichem Fotomaterial aus dem Leben der Künstlerin aufwarten kann. Entstanden ist so ein anspruchsvoll gemachter Katalog zu einer wichtigen Ausstellung, der das Zeug zum Standardwerk hat.


Die Preisträgerinnen:


Inge Herold, (*1962) studierte in Heidelberg Europäische Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Alte Geschichte und promovierte 1991 bei P.A. Riedl mit einem Werkverzeichnis zum ölmalerischen Werk von Georg Meistermann (1911-1991). Seit 1992 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin und seit 2005 als stellvertretende Direktorin an der Kunsthalle Mannheim tätig, zuständig für den Bereich Wissenschaft und Sammlung. Ihre Hauptforschungsgebiete sind die Klassische Moderne und die zeitgenössische Kunst. Zu den von ihr kuratierten Projekten zählen u.a. Ausstellungen zu Paul Klee (1996), Jean Tinguely (2002), Ré Soupault (2011), Felix Hartlaub (2011)und Ernst Ludwig Kirchner (2015).


Die Kunsthistorikerin Karoline Hille lebt als freie Publizistin und Ausstellungskuratorin in Ludwigshafen am Rhein. Sie studierte in Berlin an der Freien Universität und promovierte mit „Spuren der Moderne. Die Mannheimer Kunsthalle von 1918 bis 1933“. Die 1994 erschienene Studie zählt heute zu den Standardwerken über Museumsgeschichte. Die Autorin hat mehrere Bücher und eine Vielzahl von Beiträgen zu Kunst, Kultur und Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts verfasst. Seit Mitte der 1990er-Jahre gilt ihr besonderes Interesse Leben und Werk von Künstlerinnen der klassischen Avantgarden. Über Künstlerinnen des Surrealismus hat sie mehrfach publiziert wie auch über die Dadaistin Hannah Höch, zuletzt 2015.


Die Kuratorinnen teilen sich den Preis, der mit insgesamt € 5.000.- dotiert ist.


Die Preisverleihung fand am Dienstag, den 23. Mai 2017 im Port 25 in Mannheim statt.

Preisverleihung

Fotos: © Manfred Rinderspacher
Justus Bier Preis 2015

Der Justus Bier Preis für Kuratoren geht in diesem Jahr an Stephanie Weber.


Ausgezeichnet wird die Kuratorin für das Projekt und den Ausstellungs­katalog

Lea Lublin: Retrospective.
(25. Juni – 13. Sept. 2015 in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München)


Stephanie Weber (*1978), studierte Kunstgeschichte, Romanische Philologie und Kultur­wissen­schaften in Münster und Bordeaux sowie Museumskunde an der École du Louvre in Paris. Von 2010 bis 2014 arbeitet sie als Assistenz­kuratorin im Department of Media and Performance Art des Museum of Modern Art (MoMa) in New York. Seit September 2014 ist sie als Kuratorin für Gegen­wartskunst in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München, tätig.


Aus der Begründung der Jury unter Vorsitz von Prof. Dr. Stephan Berg (Kunstmuseum Bonn):


„Lea Lublin (1929-1999) gehört zu den großen Unbekannten der jüngeren Kunst­geschichte. Ihr ebenso präzises wie vielschichtiges Werk zielt im Kern auf eine Hinterfragung der herrschenden westlichen Ästhetik und der strukturellen Durch­leuchtung der Möglichkeiten und Grenzen des Bildes. Es ist das Verdienst der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München, und seiner Kuratorin Stephanie Weber, dieses Werk erstmals in seinem Gesamtumfang durch eine retrospektiv angelegte Ausstellung und eine umfassende Publikation sichtbar gemacht zu haben.


Das sorgfältig gemachte Katalogbuch, das neben wichtigen zeit­historischen Dokumenten (Pierre Restany) und profunden Werkanalysen auch die Texte Lea Lublins aus den Jahren 1967 bis 1995 enthält, kann schon jetzt als gültiges Standardwerk für die zukünftige Beschäftigung mit Lea Lublin gelten. Es ist im Kölner Snoeck-Verlag erschienen.“


Der mit 5.000,-- € dotierte Justus Bier Preis wird jährlich und seit 2009 nun zum siebten Mal verliehen.


Die Preisverleihung fand am Montag, den 6. Juni 2016 im Rahmen der Eröffnung der Ausstellung „Rochelle Feinstein“ in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München statt.


Preisverleihung

Fotos: © Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München